Der Garten | Texte
Garten: Geistiges Territorium der Hoffnung.
(Gilles Clément: ABC. Berlin 2012, S. 10)

Garten bedeutet nicht nur Einfamilienrasen mit Thujahecke. Garten findet im Kopf statt, nicht im Grundbuchamt. … Dass der Planet ein Garten und der Mensch sein Gärtner sei, hat nichts mit der Ästhetisierung des Lebens per Blumenbeet zu tun. … Den Planeten als Garten zu denken, besitzt … mehr sachliche und sinnliche Realität. Es weist nicht nur auf die Abgeschlossenheit und Endlichkeit des Raumes hin und formuliert unsere Fürsorgepflicht unmissverständlich, sondern stattet uns zugleich mit Kriterien aus, wie dieser Pflicht nachzukommen ist.
(Tobias Roth, Nachwort in Gilles Clément: ABC. Berlin 2012, S. 10)
Garten bedeutet überall auf der Welt Einfriedung und Paradies zugleich. Die Einfriedung schützt. In der Einfriedung befindet sich das Beste: das, was man als das Kostbarste, das Schönste, das Nützlichste und Ausgewogenste schätzt. …Es geht nicht nur darum, die Natur als Szenerie der Befriedung zu gestalten, sondern auch darum, einen ausgereiften Gedanken der eigenen Epoche auszudrücken, eine Beziehung zur Welt und eine politische Vision…Der Garten erscheint als der einzige Ort der Begegnung des Menschen mit der Natur, wo es zu träumen erlaubt ist…
(Gilles Clément: Gärten, Landschaft und das Genie der Natur. Berlin 2015)

Wir haben ein gartenloses Jahrhundert hinter uns. Das 20. Jahrhundert hat nicht nur das Verhältnis zur Natur verloren, sondern auch das Verhältnis zum Garten als einem Medium, das gesellschaftlich relevante Fragen formuliert, vorschlägt, begehbar und verständlich macht. Genau das ändere sich jedoch in jüngster Zeit. Das 21. Jahrhundert entdecke den Garten wieder als Gestaltungsraum für neue Lebensformen. Das Gärtnern in der Stadt verbinde Traditionen der Gartenkunst mit einem aktuellen Verständnis von Natur. … Das Belassen ist ein wichtiger Teil des Gartens der Zukunft. Also, dieses schöne Gestalten, was man früher in Gartenschulen gelehrt und gelernt hat und dann angewendet hat in aller Welt, gegen hohe Honorare, das hat sich, glaube ich, so ziemlich erledigt. … Ich denke, der Garten der Zukunft ist tatsächlich ein städtisches Phänomen, das die Aufgabe haben wird, das Leben in den Städten erträglicher zu machen – und gleichzeitig Pflanzen zum Überleben zu verhelfen. Wir richten in der Natur keine Gärten mehr ein, weil wir froh sind, wenn wir da noch Natur finden.
Hans von Trotha: Garten Kunst. Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies, Berlin 2012
Ruhe und meditatives Handeln scheint die Arbeit im Garten zu vermitteln, eine Geisteshaltung, die Philosophen von Epikur bis Hume als Lebensziel beschreiben. Im Vergleich zur digitalen Welt, in der man sein Leben im Gehen online zusammenklickt, erfordert ein Garten körperliche Tätigkeit. Warum die Büromenschen einmal mehr ins Grüne flüchten und die Gärten in die Städte zurückkehren, liegt aber in mehr als in der mangelnden Bewegung begründet, die die heutigen Gärtner gar zu Sportlern macht. Obst und Gemüse gibt es in Bioqualität auf dem Markt oder in Supermärkten, der Eigenanbau ist unter Umständen nicht kostengünstiger. Das Gärtnern ist keine Notwendigkeit mehr. Und dennoch scheint das gemeinschaftliche Selbermachen, die Suche nach individuellen Formen und Flächen für die Arbeit mit der Natur – ob in der Stadt, im Umland oder auf dem Land – die Antriebskraft der nächsten Gärtnergeneration zu sein.
(Blanka Stolz: Bin im Garten. Die Philosophie des Gärtnerns, 2017)

Beteiligte Künstler
Lorenz Kienzle
Lorenz Kienzle, 1967 in München geboren, studierte von 1990-1993 Fotografie in Rom und Berlin. In frühen Projekten/Publikationen beschäftigte er sich mit ostdeutscher Industriekultur. 2006 begann eine langfristige Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Bildhauer Richard Serra. Seit 2010 arbeitet Lorenz Kienzle an mehreren Projekten zu fiktiven und realen Orten von Literatur: „Tatort Fontane“ ist eine zeitgenössische Reflexion der Romane von Theodor Fontane. Im Projekt „Döblin und die Metropole“ untersucht er darin fotografisch das Thema Großstadt. Durch das Gartenprojekt wurde Lorenz Kienzle ab Juli 2023 vom fotografischen Beobachter zum Aktivisten einer Berliner Nachbarschaftsinitiative im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Wohnungsbau.
Fotografien von Lorenz Kienzle befinden sich u.a. in den Sammlungen des Guggenheim Museums Bilbao, im Ausstellungsarchiv des Museum of Modern Art, NY, im Archiv des Richard Serra Studios, NY, im Stadtmuseum Berlin, im Deutschen Technikmuseum Berlin, im Museum Neukölln, im Industriemuseum Brandenburg und im Historischen Museum der Stadt Regensburg.