Zur eigenen Sache machen #1 | 24.9. bis 1.11.2026

Das Dorf | Texte

Die urbane Faszination ist ein Fetisch im Selbstverständnis der europäischen Moderne. … Aber das Dorf ist auch selbst eine Idee, oft gewürzt mit einer gehörigen Portion Antimodernismus. Es dient als Projektionsfläche für die Idyllen-Sehnsucht geschundener Großstädter, die sich den sozialen Zusammenhalt, ja die heile Welt erträumen. Oft genug färbt sich diese Projektionsfläche aber auch dunkel ein: «Dorf» wird zur Chiffre für Beengung, für Kontrolle, für Mief und überlebte Tradition. Da scheint dann Stadtluft allein frei zu machen – weil die Stadt doch so unendlich viele Möglichkeiten biete, die das Dorf seinen Bewohnern verwehre. Das Versprechen einer immensen Fülle von Möglichkeiten scheint dem Selbstverständnis der europäischen Moderne als Leitvorstellung eingeprägt. Entsprechend bringt diese Moderne stadtsüchtige Gesellschaften hervor: Man will, besonders, wenn man sich einer intellektuellen und gesellschaftlichen Elite zugehörig wähnt, um jeden Preis «urban» sein. Da fällt es nicht ins Gewicht, dass man die meisten der Möglichkeiten, welche die Stadt bietet, als Stadtmensch nie in seinem Leben wird ausschöpfen können – es reicht allein, der Möglichkeit zu diesen Möglichkeiten gewiss zu sein. Im Dorf hingegen, wie es gemeinhin gedacht wird, herrscht Möglichkeitsaskese – und damit nicht auch zwangsläufig Ideenaskese?
(Zeitschrift für Ideengeschichte Heft IX/2 Sommer 2015 Das Dorf / Philip Ajouri Wolfert von Rahden Andreas Urs Sommer, Zum Thema, S.4)

Wer atmen will, braucht nicht saubere Luft. Wer atmen will, kehrt dem Dorf seiner Kindheit für immer den Rücken. Das Dorf ist eine eifersüchtige Mutter, besitzergreifend und rachsüchtig. Sie erstickt ihre Söhne. … Die Anonymität der Großstadt lässt ihren Bewohnern die Illusion, ihre Lebensform wählen zu können. Das Dorf hingegen überwacht jeden Einzelnen, jeder weiß über jeden Bescheid. Ein wunderbar zweideutiger Satz von Joseph Roth fällt mir ein. „Bei uns zu Hause herrschte Frieden. Nur die engsten Nachbarn hielten Feindschaft.“ In einem Dorf gibt es nur Nachbarn. Von den Nachbarn wird man beobachtet, die Nachbarn wäre man gerne los. Es sei denn, man verschwört sich mit ihnen und sichtet gemeinsame Feinde. „Der einzige Fehler im Schöpfungsplan sind die Nachbarn“, schrieb Henri Michaux. … In ein Dorf wächst man hinein. Eine Stadt ist zu groß, um in sie hineinzuwachsen. Die Gesetze der Dorfgemeinschaft sind ungeschriebene, eine Übertretung aber wird umso nachhaltiger geahndet. … Gegen einen Einzelnen kann man sich wehren, gegen ein Dorf ist der Einzelne machtlos… In der Stadt fühlt sich zu Hause, was sich im Dorf nur lächerlich ausnimmt: die Eleganz. Eleganz ist der Traum von der großen Welt, der Traum von der Befreiung von Arbeit und Herkunft.
(Zeitschrift für Ideengeschichte Heft IX/2 Sommer 2015 Das Dorf / Jürg Beeler: Das Rumoren des Dorfes Stadtluft macht frei, S. 5 bis 11)

Aber im Dorfe liebt man das ganze Dorf und kein Säugling wird da begraben, ohne daß jeder dessen Namen und Krankheit und Trauer weiß… – und dieses herrliche Teilnehmen an jedem, der ein Mensch, welches daher sogar auf den Fremden und den Bettler überzieht, brütet eine verdichtete Menschenliebe aus und die rechte Schlagkraft des Herzens.
(Jean Paul: Selberlebensbeschreibung. Zweite Vorlesung. (welche den Zeitraum von 1765 bis 1775 umfaßt). 1818/1819)

Dorfbilder©Swen Bernitz

Das zum Teil noch heute anzutreffende freikörperlich in der Landschaft stehende Haus der bäuerlichen Großfamilie ist ein kulturell besonders wertvolles Zeugnis der Entwicklung des Hauses innerhalb der Volksarchitektur. Seine Einordnung in die Landschaft durch Größe, Proportion, tektonische Struktur und Material und sein ästhetisches Zusammenwirken mit den Häusern seines Verbandes objektivieren eine wichtige Seite unseres architektonischen Erbes.
(Lothar Kühne: Haus u. Landschaft. Dresden 1985, S. 24)

Ortsbildschutz verlangt keine Versteinerung des Ortes in einem einmal erreichten Zustand, wie dies etwa der Denkmalschutz eines integral geschützten Bauwerks postuliert. … Woraus aber besteht dieses Ortsbild? … Wie das Nachwort „Bild“ andeutet, soll der ästhetische Eindruck erhalten werden, den die geschützte Ortschaft in unserem Wahrnehmungsvermögen hervorruft. Ein gemaltes Bild besteht aus jenen Elementen, die der Maler als für seine Botschaft wesentlich in sein Gemälde aufgenommen hat; ebenso besteht in diesem übertragenen Sinne ein „Bild“ aus jenen Wahrnehmungen, welche die Betrachtung eines Ortes zur Empfindung der Schönheit werden lassen. … Mit dem Wort wird also ausgedrückt, dass vom Gesamtbestand des einstigen Ortes einiges fehlen, anderes verändert sein kann, wenn nur die Wahrnehmung der einstigen Gesamtheit noch erfolgt. Das führt zu der pragmatischen Frage: Wieviel darf denn fehlen? … Und so öffnet sich nach unserer Hauptfrage, was denn das Ortsbild ausmache, gleich die zweite: wessen Ortsbild erhalten wir denn? … Für wen erhalten wir Ortsbilder? … Die Entdeckung, dass Ortschaften lieblich sind, ist wohl eine Entdeckung von Städtern, die zu ihrem Vergnügen oder ihrer Erholung auf das Land fuhren. … Auch der Landbewohner mag sich eine neue ästhetische Betrachtung seiner Umgebung aufgebaut haben, die derjenigen der Städter angenähert ist. Dennoch scheint es uns nicht unnütz, hier daran zu erinnern, dass die ästhetische Behandlung örtlicher Baufragen einen Eingriff von Städtern auf Ortschaften darstellt, also ein Teil der Beherrschung des Landes durch die Stadt. … Die alten Orte waren bestimmt durch die Art der Bewirtschaftung, also der Landwirtschaft. Wer die Zeichen lesen konnte, den informierte eine Dorfstraße über die Besitz- und Wirtschaftsverhältnisse ihrer Bewohner und Benutzer. … Die Informationen der Nutzung sind viel oberflächlicher, als das sie sich in Bauten niederschlagen, aber gerade deshalb verschwinden sie umso unrettbarer, wenn die Nutzung dahinfällt. …Gewandelt aber hat sich das Ortsbild, da die Gesamtheit der Informationen, die wir aus all diesen kleinen Details beziehen, nun vollkommen neu ist. … Müssen wir resignieren, ist das Ortsbild etwas, was nicht zu erhalten ist? Es heißt, dass die Restaurierung von Bauten und die Erhaltung der Kubaturen und Proportionen wohl wertvoll sind, nicht aber genügen, um das „Bild“ eines Ortes, wie er einst war, in die Zukunft zu verlängern.
(Lucius Burckhardt Der kleinstmögliche Eingriff oder die Rückführung der Planung auf das Planbare Herausgegeben von Markus Ritter und Martin Schmitz. Berlin 2013, S. 138-147)

Worin 1960©Deutsche Fotothek/Richard Peter jun.

 

Beteiligte Künstler

Swen Bernitz
Swen Bernitz’ konzeptuelle Langzeitprojekte untersuchen die Transformation der gebauten Umwelt, mit besonderem Fokus auf Berlin und Brandenburg, und verorten sich als eigenständige Position innerhalb der zeitgenössischen deutschen Fotografie. Architektur erscheint dabei nicht nur als ästhetisches Objekt, sondern als Träger kollektiven Gedächtnisses, dessen Schichten deutsche Geschichte materialisieren. In analytisch klaren, formal strengen und überwiegend menschenleeren
Schwarzweißserien entfaltet sich ein visueller Diskurs über die Zeitlichkeit des Raums, die Persistenz architektonischer Strukturen und ihre Fähigkeit, historische Spuren im urbanen Gefüge einzuschreiben.

Richard Peter jun.
Richard Peter jun. (* 13. März 1915 in Essen; † 12. Januar 1978 in Dresden) war ein deutscher Fotograf und Industriefotograf. In den 1980er Jahren gehörte der Dresdner Bildjournalist Richard Peter jun. zu den prominenten Fotografen der DDR Der fotografische Nachlass von Richard Peter jun. wurde 1984 durch die Deutsche Fotothek erworben. Der Bestand umfasst rund 4.000 Kleinbild- und 13.500 Mittelformat-Negative sowie rund 1.000 Positive 18/24 und 30/40 aus dem Zeitraum 1948 bis 1973. Im Jahr 2012 wurden – unter Auslassung von Zweitbelichtungen und Dubletten – rund 3.500 Kleinbild- und 6.500 Mittelformat-Negative digitalisiert. Die Präsenz Peter jun. im Archiv der Fotografen soll dahingehend stimulieren, die Werke von Pressefotografen als zentrales Feld politischer Öffentlichkeit auch daraufhin zu untersuchen, wie Bilder in der DDR produziert, vervielfältigt, vermarktet und publiziert worden sind.