Zur eigenen Sache machen #0 | 24.9. bis 1.11.2026

Spaziergangswissenschaften | Eine Einführung

Aufsuchen des Lebendigen
Die Spaziergangswissenschaft sucht den Ort und das Lebendige auf, versucht sich darin, das Betrachten wiederzuentdecken. Betrachten heißt, neue Blickwinkel erschließen, Sehweisen ausprobieren, Ungewohntes wahrnehmen, störende Elemente aufdecken, Fehler machen und bei sich selbst bemerken. Spaziergangswissenschaft will ein anderes Verhältnis von Zeit und Raum gewinnen. Spazierengehende Menschen sind schon durch den Gebrauch ihrer Füße langsamer. Und da sie gehen, weil sie dazu Lust haben und nicht um anzukommen, sind sie zeitlich unberechenbar. Raum sieht die Spaziergangswissenschaft als Konstrukt der Wahrnehmung, also als vieldeutig.

Mobilität + Wahrnehmung + Gestaltung
In den 1960er, 70er Jahren wurde der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur in Form von Autobahnen und Straßen unbeirrt vorangetrieben, trotz Urbanismuskritik. Unsere Mobilität erreichte in den 1980er Jahren einen vorläufigen Höhepunkt und nahm bis heute in Europa ein nie gekanntes Ausmaß an. Auch die Menge der Informationen und Botschaften, die die Medien täglich auf uns aussenden, nahm und nehmen immer weiter zu. Es sind diese gesellschaftlichen und kulturellen Prozesse, die zu Themen der Spaziergangswissenschaft wurden.

Lucius Burckhardt führte Mobilität, Wahrnehmung und Gestaltung zusammen. Der studierte Nationalökonom, der als Vordenker der Urbanismuskritik der 1960er, 70er Jahre gilt, hat Zeit seines Lebens über unsere Wahrnehmung von Stadt und Land sowie deren Auswirkungen auf das Planen und Bauen geforscht. In den 1980er Jahren versammelte er seine Arbeit unter einem Dach. Er nannte sein Fach Spaziergangswissenschaft, Promenadologie oder Englisch auch Strollology.

Lucius Burckhardt©Lucius und Annemarie Burckhardt Stiftung, Basel

Vom kinematografischen Effekt
Wir führen eine neue Wissenschaft ein, die Promenadologie oder Spaziergangswissenschaft. Sie gründet sich auf die These, dass die Umwelt nicht wahrnehmbar sei und wenn doch, dann aufgrund von Bildvorstellungen, die sich im Kopf des Beobachters bilden und schon gebildet haben. Der klassische Spaziergang geht vor die Mauern der Stadt, in die Hügel, an den See, auf die Klippen. Der Spaziergänger durchquert eine Reihe von Orten. Am Schluss, nach Hause zurückgekehrt, erzählt der Spaziergänger, was er gesehen hat. Dabei beschreibt er keinen der durchquerten Orte, den Wald, das Flusstal, schon gar nicht die Fabrik oder den Müllplatz, sondern er beschreibt integrierte Landschaftsbilder. Die Wahrnehmung beruht auf dem kinematografischen Effekt des Spazierengehens.

Autofahrerspaziergang 1993©Lucius und Annemarie Burckhardt Stiftung, Basel

„So ist es in Skandinavien“ oder Unscharfe Bilder im Schnelldurchlauf
Das Spazierengehen ist die natürlichste und einfachste Art, sich eine Landschaft oder eine Stadt zu erschließen. Allerdings spazieren wir heute nur noch selten durch die Welt. Selbst wenn wir wandern wollen, steigen wir zunächst einmal ins Auto, das uns in den Wald oder auf den Berg bringt. Hochgeschwindigkeitszüge rücken Städte und Regionen näher zusammen. Das Flugzeug bringt uns in wenigen Stunden zu fernen Kontinenten. Wir sind mobil wie nie zuvor und das hat Folgen für unsere Wahrnehmung. Wir sehen die Welt im Schnelldurchlauf. Entsprechend unscharf sind die Bilder und Vorstellungen in unseren Köpfen. Einzelne Sequenzen des Gesehenen werden im Kopf abgespeichert und wir sprechen nach Hause zurückgekehrt von typischen Landschaften und Regionen.

Die höhere Mobilität, die Spaziergangswissenschaft beschäftigt sich mit allen Fortbewegungsarten, führt dazu, dass wir über riesige Gebiete kompakte Aussagen treffen. Etwa: „So ist es in Skandinavien. Das ist typisch chinesisch.“ Der Autofahrer, der in wenigen Stunden das Burgund durchquert hat, sagt, dass es auch nicht mehr das sei, was es mal war. Aber woher weiß er das? Gesehen hat er nur, was an der Windschutzscheibe vorbeigehuscht ist. Wer schnell ist, hat keinen Blick fürs Detail. Wohin wir auch reisen, wir bringen unsere Bilder schon mit, wobei es eine große Sehnsucht nach Idyllen gibt.

Kollektives Bildungsgut
Landschaft wahrzunehmen muss gelernt sein. Das gilt sowohl historisch wie individuell. Unser Kulturkreis wurde befähigt, Landschaft wahrzunehmen, weil die römischen Dichter, weil die Maler der Spätrenaissance, weil die englischen Landschaftsgärtner Landschaft darzustellen verstanden. Landschaft also ist ein kollektives Bildungsgut. Diesen Lernprozess müssen wir aber auch individuell durchmachen.

Wir haben es also offenbar mit zwei Bewegungen zu tun, was die Sache sehr kompliziert. Einerseits mit der Veränderung des konkreten Raumes, wie immer dieser mess- oder darstellbar sei, und andererseits mit der Entwicklung und Veränderung unserer Landschaftswahrnehmung und daraus nun unser Nachdenken. Könnte es sein, dass unsere Landschaftswahrnehmung in dem Sinne veraltet ist, dass sie mit der Veränderung der Landschaft heute nicht mitgekommen ist?

Zwanzigtausend Mastschweine und Bilderbuchlandschaften
Unter Ferien auf dem Bauernhof verstehen wir nicht den Aufenthalt mit zwanzigtausend Mastschweinen. Vor einigen Monaten fischte ich einen Prospekt aus dem Briefkasten, der ein oder zwei Wochen Sommerurlaub mit Sonne, Strand und Meer versprach. Nicht ungewöhnlich und doch war es seltsam. Die Pauschalangebote verrieten nicht, in welches Land die Reise gehen sollte. Das hätte man früher für einen Druckfehler gehalten. Heute jedoch spielt scheinbar die Geografie bei der Wahl des Ferienortes nur noch eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund stehen Sonne, Strand und Meer. Klischeehafte Vorstellungen von einer Bilderbuchlandschaft und einer Bilderbucherholung.

Urlaubskatalog 2025©pmc active GmbH

Ästhetisierung und Zerstörung
Nie hat man sich so sehr um die Ästhetik der Umwelt gekümmert wie heute. Nie waren so viele Kommissionen mit Bewilligungsverfahren beschäftigt. Nie gab es so potente Vereinigungen zum Schutze der Umwelt, der Landschaft Der Heimat der Denkmäler. Noch nie war es so schwierig, einen Neubau in eine historische Umgebung zu setzen oder an eine Stelle, wo noch Reste früherer Gärten oder Landwirtschaft zu sehen sind. Aber trotz aller Schutzbestimmungen, Verfahren und abgelehnter Baugesuche wächst ständig die Klage über die Verhäßlichung der Umwelt und die Zerstörung der Landschaft.

Texte aus:
Querfeldein denken mit Lucius Burckhardt: Von der Urbanismuskritik zur Spaziergangswissenschaft von Martin Schmitz. Mit Bernd Rehäuser, Wolfgang Rüter und Guido Lambrecht. Technik: Silvia Kraus. Regie und Redaktion: Barbara Schäfer; Deutschlandfunk 2019